BG N°10: Grösser als null

KI ver­än­dert Macht, Märk­te und Ent­schei­dun­gen schnel­ler, als wir sie kon­trol­lie­ren kön­nen. Wäh­rend dra­ma­ti­sche Unter­gangs­sze­na­ri­en ablen­ken, bleibt das eigent­li­che Risi­ko grös­ser als null und damit poli­tisch rele­vant. Jetzt müs­sen wir ent­schei­den, wie viel Tem­po wir zulas­sen, bevor KI unse­re digi­ta­le Infra­struk­tur, Sicht­bar­keit und Chan­cen end­gül­tig prägt.

Vie­le die­ser dra­ma­ti­schen KI‑Untergangsszenarien wir­ken auf mich wie eine Mischung aus Mar­ke­ting und pro­phy­lak­ti­scher Schuld­ent­la­stung, als wür­de man sich schon jetzt die pas­sen­de Geschich­te zurecht­le­gen, damit spä­ter nie­mand wirk­lich ver­ant­wort­lich sein muss. Aber ich muss zuge­ben, es gibt da durch­aus die­sen Gedan­ken, der mich nicht los­lässt: Was machen wir mit einem Risi­ko, das wir nicht genau bezif­fern kön­nen, das aber eben nicht bei null liegt?
Die gros­se KI‑Katastrophe klingt nach Science‑Fiction, ist aber nicht völ­lig abwe­gig. Hoch­kom­pe­ten­te Syste­me kön­nen dort Feh­ler und Aus­fäl­le ver­ur­sa­chen, wo es rich­tig weh tut: im Strom­netz, im Gesund­heits­we­sen, im Finanz­sy­stem oder auf dem Schlacht­feld. Jede Geschich­te dar­über ist dis­ku­tier­bar, aber nie­mand kann ehr­lich sagen: „Das ist garan­tiert unmög­lich.“

Unser Reflex ist, zu rech­nen. Wahr­schein­lich­kei­ten, Model­le, Tabel­len. Bei KI hilft, das nur begrenzt. Wir wis­sen schlicht nicht, wie die Model­le und Archi­tek­tu­ren aus­se­hen wer­den, über die wir in zehn oder zwan­zig Jah­ren reden. Wir wis­sen nicht, wel­che poli­ti­schen Regime sie ein­set­zen, wel­che Unter­neh­men sie kon­trol­lie­ren, in wel­che Sicher­heits­kul­tur sie ein­ge­bet­tet sind. Die Unsi­cher­heit ist Teil des Systems. Heisst das, wir war­ten, bis wir bes­se­re Daten haben? Ich hal­te das für gefähr­lich. Wenn der mög­li­che Scha­den exi­sten­zi­ell ist, reicht eine klei­ne, nicht aus­schliess­ba­re Wahr­schein­lich­keit, um genau­er hin­zu­schau­en. „Grös­ser als null“ ist dann ein Grund, auf­merk­sam und kri­tisch zu blei­ben.
Und wir müs­sen gar nicht in die Zukunft sprin­gen. In mei­nem All­tag sehe ich, wie KI-Arbeit und Ent­schei­dun­gen ver­än­dert. Tex­te, die frü­her einen Abend geko­stet haben, ent­ste­hen in Minu­ten. Abläu­fe lau­fen auto­ma­tisch, Vor­schlä­ge kom­men von Syste­men, bevor jemand nach­denkt. Das ist prak­tisch, bequem und… ver­schiebt Macht. Wer die Infra­struk­tur besitzt und die Trai­nings­da­ten kon­trol­liert, beein­flusst, wie wir die Welt sehen und wer über­haupt sicht­bar wird!

Gleich­zei­tig ist unse­re digi­ta­le Infra­struk­tur löch­rig. Die stän­di­ge Flut von Updates und Patches erin­nert uns dar­an, dass vie­les pro­vi­so­risch ist. KI‑Systeme wer­den dar­auf trai­niert, die­se Lücken effi­zi­ent zu fin­den und zu schlies­sen. Je mehr wir ihnen das über­las­sen, desto grös­ser wird die Gefahr, dass sich Ver­hal­tens­wei­sen respek­ti­ve Gewich­tun­gen her­aus­bil­den, die nie­mand geplant hat, emer­gen­te Effek­te, die wir erst bemer­ken, wenn sie schon wir­ken.

Die eigent­li­che Fra­ge lau­tet des­halb: Wie schnell wol­len wir das alles? Sol­len Unter­neh­men jede neue Funk­ti­on sofort aus­rol­len, nur weil sie tech­nisch mög­lich ist? Sol­len Staa­ten mili­tä­ri­sche KI ent­wickeln, bevor Regeln ste­hen? Sol­len Schu­len KI‑Tools flä­chen­deckend ein­set­zen, ohne zu klä­ren, was das mit Bil­dungs­idea­len macht? „Tem­po run­ter“ heisst nicht „Stop“. Es heisst, bewusst zu wäh­len, wo wir Gas geben und wo nicht. Es heisst aber auch, dass Poli­tik, Gerich­te, Wis­sen­schaft und Zivil­ge­sell­schaft sich jetzt ein­mi­schen! Ver­ant­wor­tung über­neh­men! Und es heisst, aus­zu­hal­ten, dass wir uns selbst begren­zen, obwohl mehr mög­lich wäre. Eine ana­chro­ni­sti­sche Über­le­gung, ich bin mir des­sen bewusst.

KI kann viel: Arbeit erleich­tern, Krea­ti­vi­tät öff­nen, Zugän­ge zu Wis­sen schaf­fen. Gera­de des­halb ist die Fra­ge nach dem Tem­po ent­schei­dend. Zu viel Brem­se ver­schenkt Chan­cen, zu wenig Brem­se erhöht Risi­ken. Dazwi­schen liegt die Kunst. Viel­leicht zeigt sich unse­re Rei­fe im KI‑Zeitalter dar­an, ob wir Ver­ant­wor­tung über­neh­men, obwohl die Zah­len unscharf sind und ob wir akzep­tie­ren, dass „grös­ser als null“ manch­mal reicht, um lang­sa­mer zu wer­den.

Wei­ter­denk­an­stös­se:

  1. Kon­kre­te Poli­tik: Wie könn­ten kon­kre­te Regu­lie­rungs­in­stru­men­te (Geset­ze, Abkom­men, Insti­tu­tio­nen) aus­se­hen?
  2. Arbeits­markt­fol­gen: Wel­che Aus­wir­kun­gen haben die Auto­ma­ti­sie­rung auf unser Wirt­schafts- und Arbeits­le­ben?
  3. Glo­ba­le Per­spek­ti­ve: Mein Blick ist euro­pä­isch und demo­kra­tisch geprägt, wie sehen Sze­na­ri­en und Lösungs­an­sät­ze im Rah­men auto­ri­tä­rer Kon­tex­te und glo­ba­ler Macht­asym­me­trien aus?

Bild­quel­le

  • Bild ist KI-gene­riert und im Urhe­ber­recht von Mathan
„Grös­ser als null ist das Risi­ko, das wir nicht igno­rie­ren dür­fen – weil es längst dar­über ent­schei­det, wer sicht­bar wird, wer Chan­cen bekommt und wie wir die Welt sehen.“

Matthias Marthaler

Arti­kel, 19.10.2026