Der Nihilismus war einmal ein Luxusproblem von Philosophen wie Nietzsche, Camus, Kierkegaard. Sie hatten Zeit, sich auf dem intellektuellen Gefechtsfeld mit dem Sinn des Lebens zu prügeln. Heute wirkt das fast nostalgisch. Denn der Nihilismus, der uns jetzt begegnet, ist kein intellektueller Diskurs. Er ist ein Burnout. Ein kollektives «Ich kann nicht mehr, ihr könnt mich mal». Ein schweigender Protestzug, den niemand ernst nimmt, weil er keine Plakate trägt.
Ich sitze in einer Online‑Sitzung, die so ziellos ist, dass man sie eigentlich aus Gründen der psychischen Hygiene abbrechen müsste. Es wird geredet, um keine Stille aufkommen zu lassen, nicht um etwas zu entscheiden. Und während ich diesem digitalen Leerlauf zusehe, lese ich auf einem Onlineportal über Jugendliche, sogar Kinder, die in Online-Foren zu Selbstverletzung und Suizid gedrängt werden, von… Gleichaltrigen, die sich selbiges antun. Sie schliessen sich zusammen, um Schmerz zu teilen. Offenbar geht es nicht um blosse Gewalt. Sondern weil die Erwachsenenwelt ihnen die Verantwortung für ihre eigene Überforderung überlässt. Eine Gesellschaft, die Menschen zu Projekten macht, darf sich nicht wundern, wenn diese Menschen, irgendwann wie Projekte reagieren: mit Rückzug, Überreizung, Selbstschutz.
Ein Phantom geht in Europa um, der «postmoderne Erschöpfungsnihilismus». Er entsteht nicht aus intellektueller Rebellion, sondern aus dem Gefühl, dass die Welt sich längst entschieden hat, nicht mehr zuzuhören.
Man sieht ihn überall. In Vereinen, die verzweifelt Freiwillige suchen. In Gemeinden, die Jugendräume schliessen, aus Budgetgründen oder weil man schlicht vor den Beschwerden kapituliert hat. In einer politischen Kultur, die junge Menschen erst hört, wenn sie laut werden und sie dann dafür belehrt, dass Lautstärke kein Argument sei. Als ob Schweigen je etwas verändert hätte.
Jahrzehntelang haben Institutionen sich selbst verwaltet, statt Menschen zu begleiten. Jahrzehntelang wurde über jeden denkbaren Kanal Effizienz und Optimierung gepredigt, ohne sich mit dem tieferen Sinn zu beschäftigen. Jahrzehntelang hat man Gemeinschaft beschworen, aber keine Zeit dafür gelassen.
Narzissmus ist in so einer Welt eine Überlebensstrategie. Konsumismus ein Ersatz für Bindung, die fehlt.
Der postmoderne Erschöpfungsnihilismus ist kein Jugendproblem. Er ist ein Systemproblem. Er zeigt den Verschleiss der Institutionen. Er ist die präziseste Diagnose einer Gesellschaft, die sich selbst überfordert hat. Und er ist ein Spiegel, den wir nicht wegdiskutieren können. Denn vielleicht ist der eigentliche Skandal nicht, dass junge Menschen sich zurückziehen und selbst verletzten. Sondern dass die alten Strukturen glauben, sie könnten einfach weitermachen wie bisher. Verantwortliche, die scheinbar entschieden haben, Herausforderungen von «A» wie Artensterben und Arbeitslosigkeit, über «N» wie Narzissmusökonomie bis «Z» wie Zivilisationsrisiken, einfach nur auszusitzen.
Vielleicht ist der Erschöpfungsnihilismus keine Kapitulation. Vielleicht ist er schlicht die letzte Warnung einer Generation, die verstanden hat, dass man Sinn nicht predigen kann, wenn man ihn politisch verweigert. Da helfen auch keine markigen Altherren-Sprüche oder Resistenztrainings.
Ein Angebot. Weiterdenk-Fragen:
- Jugendbild: Sind junge Generationen wirklich verweichlicht oder einfach die ersten, die ehrlich zeigen, wie überfordernd unsere Welt geworden ist?
- Taktfrage: Wer dient wem, die Wirtschaft den Menschen oder die Menschen der Wirtschaft?
- Systemfrage: Was kommt nach dem «immer mehr, immer schneller, immer besser»‑System, in einer Welt deren Ressourcen endlich sind?
- Stimmrechtsalter: Würde ein Stimmrechtsalter 16 oder 14 jungen Menschen echte Selbstwirksamkeit geben und uns eine Zukunft, die von jenen gestaltet wird, die sie erleben?
- Gemeinschaftsorte: Wie stärken wir die Orte, an denen Sinn entsteht: Jugendräume, Vereine, Kulturstätten, öffentliche Treffpunkte?
- Institutionen: Wie erneuern wir Institutionen die Menschen begleiten sollen, aber sich längst nur noch selbst verwalten?
- Sinnquellen: Welche neuen Sinnquellen braucht eine Gesellschaft, die den alten Erzählungen nicht mehr glaubt?
- Verantwortung: Wann beginnen wir, Erschöpfung als strukturelles Problem zu begreifen und nicht als individuelles Versagen?
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