BG N°8: Ich sehe was, was Du nicht siehst…

Auf dem Weg zu mei­nem Draht­esel begeg­net mir an die­sem Mor­gen eine schwar­ze Petu­nie. Ele­gant, zurück­hal­tend und den­noch ein lei­ser Hin­weis auf das, was wir nicht sehen wol­len. Unse­re blin­den Flecken. Die Stel­len, an denen wir pla­nen, opti­mie­ren, beschleu­ni­gen und gleich­zei­tig über­se­hen, was unser Han­deln lang­fri­stig bedeu­tet. Da wo Anspruch und Rea­li­tät aus­ein­an­der­drif­ten. Wir reden über Fort­schritt, aber sel­ten über Ver­ant­wor­tung. Wir ent­wickeln Tech­no­lo­gien, aber kaum ein Gefühl für Sinn. Wir funk­tio­nie­ren, kon­su­mie­ren, per­for­men und ver­ges­sen, uns selbst zu fra­gen, war­um wir das alles tun. Die Mit­ter­nachts-Petu­nie erin­nert mich dar­an: Ver­än­de­rung beginnt dort, wo wir uns ent­schei­den, nicht mehr blind zu sein.

Auf dem Weg zu mei­nem Fahr­rad bin ich heu­te mor­gen wie­der an die­sen ein­zig­ar­ti­gen Blu­men vor unse­rem Pfarr­haus vor­bei­ge­lau­fen. «Black Vel­vet Petu­nia», «Schwar­ze Samt-Petu­nie» oder schlicht «Hän­ge­pe­tu­nie Schwarz», sie hat offen­bar so vie­le Bezeich­nun­gen, wie es Gar­ten­ge­schäf­te gibt. Mir gefällt Mit­ter­nachts-Petu­nie, obwohl ich dafür einen «Dep­pen­strich», auch «Bin­de­strich» genannt, ein­set­zen muss. Die Sog­wir­kung die­ser samt­schwar­zen Blü­ten, die im hel­len Son­nen­licht einen leich­ten Bor­deaux­ton ver­mu­ten las­sen, ist gera­de enorm gross. Unter den schwar­zen Blu­men ist sie die zurück­hal­tend­ste und ele­gan­te­ste. So ver­kör­pert sie, wäh­rend sie dem «flo­ra­len Arran­ge­ment» vor dem Haus­ein­gang eine fast schon dra­ma­ti­sche Note ver­leiht, laut mei­ner Gross­mutter das Unbe­kann­te, das Über­se­he­ne in der Dun­kel­heit.

Genau die­se Dun­kel­heit erin­nert mich an die blin­den Flecke der Mensch­heit, die sich gera­de um uns her­um aus­brei­ten. Viel­leicht waren sie schon immer da und wir woll­ten sie ein­fach nicht wahr­ha­ben?

Wir pla­nen, mes­sen, opti­mie­ren, kon­trol­lie­ren und wir stre­ben nach vor­ne, gie­ren nach Fort­schritt und drän­gen in die Wei­te. Dabei sind wir Men­schen davon über­zeugt, alles im Griff zu haben. Gleich­zei­tig über­se­hen wir die Lang­zeit­fol­gen unse­res Han­delns. Wir behan­deln die Zukunft wie eine weit ent­fern­te Kulis­se, die auf uns war­tet, bis wir bereit sind, sie zu betre­ten. Kli­ma­ver­än­de­rung, tech­no­lo­gi­sche Beschleu­ni­gung, Res­sour­cen­ver­brauch. Wir wis­sen, dass all unser Tun und Las­sen fol­gen hat, tun aber kol­lek­tiv so, als ob die Kon­se­quen­zen gedul­dig abwar­ten, bis wir Zeit fin­den, uns mit Ihnen zu beschäf­ti­gen.

Viel­leicht liegt es dar­an, dass wir uns selbst über­schät­zen? Men­schen hal­ten sich für ratio­nal, dabei sind wir doch meist kurz­sich­tig und bequem. Wir ent­schei­den nach Gewohn­heit, Stim­mungs­la­ge und Erwar­tungs­hal­tun­gen und ver­kau­fen das uns selbst als bewuss­tes Vor­ge­hen. Wir erzäh­len uns Geschich­ten über Auto­no­mie, obwohl wir oft bloss reagie­ren. Und je kom­ple­xer die Welt um uns wird, desto stär­ker zur­ren wir uns an der Illu­si­on fest, die Autorin­nen und Autoren unse­rer Rea­li­tät zu sein.

Eben­so ren­nen wir tech­no­lo­gisch schnel­ler, als wir den­ken kön­nen. Wir ent­wickeln Werk­zeu­ge, die unse­re Gesell­schaft for­men, bevor wir deren Wir­kung auf uns über­haupt begrei­fen. Wir fra­gen ein­mal mehr, was mög­lich und nicht was sinn­voll ist. Und wäh­rend wir über Inno­va­ti­on spre­chen, ver­lie­ren wir zuse­hends aus dem Fokus, dass jede Tech­no­lo­gie auch eine Ver­ant­wor­tung mit­bringt, die nicht ein­fach dele­gier­bar ist.

Viel­leicht liegt dar­in die Erkennt­nis über den tief­sten blin­den Fleck. Wir ver­lie­ren das Gefühl für Sinn. Nicht im reli­giö­sen Sin­ne, obwohl das dunk­le Eichen­tor des Pfarr­hau­ses vor mir wie eine Mah­nung erscheint. Nein, ich mei­ne das viel exi­sten­zi­el­ler. Vie­le Men­schen funk­tio­nie­ren, kon­su­mie­ren, per­for­men. Wir fül­len unse­re Kalen­der, ver­ges­sen aber unser Inne­res. Wir jagen Zie­len nach, bei denen es immer frag­wür­di­ger wird, ob das wirk­lich unse­re sind. Nur um irgend­wann fest­zu­stel­len, dass wir zwar eini­ges errei­chen, aber nie­mals ankom­men kön­nen. Die Fra­ge nach dem War­um ver­mei­den wir; sie taucht bei allem Tru­bel und bei aller Ablen­kung nur noch sel­ten auf.

Gera­de in die­sem Moment erin­nert mich die Mit­ter­nachts-Petu­nie wie­der dar­an, dass es manch­mal ein­fa­cher ist, nicht hin­zu­schau­en. Schön ist sie, prä­sent und den­noch über­seh­bar. So wir­ken auch unse­re blin­den Flecken. Es ist nicht so, dass wir nicht um sie wis­sen. Wir wol­len sie nicht wahr­neh­men. Und viel­leicht beginnt genau da die Ver­än­de­rung, wo wir uns ent­schei­den, nicht mehr blind zu sein und Ver­ant­wor­tung zu über­neh­men.

Über­sicht zu den blin­den Flecken

  1. Der zen­tra­le blin­de Fleck zeigt sich dar­in, dass wir die Lang­zeit­fol­gen unse­res Han­delns unter­schät­zen. Die Fol­gen des Kli­ma­wan­dels wer­den behan­delt, als lägen sie in einer fer­nen Zukunft. Tech­no­lo­gi­sche Ent­wick­lun­gen wer­den genutzt, bevor wir ihre Aus­wir­kun­gen auf unse­re Gesell­schaft gesell­schaft­li­che Wir­kung ver­ste­hen. Res­sour­cen wer­den ver­braucht, als wären sie unend­lich. Wir prio­ri­sie­ren das Jetzt und exter­na­li­sie­ren die Kon­se­quen­zen.
  2. Der psy­cho­lo­gi­sche blin­de Fleck ent­steht aus der Illu­si­on, ratio­nal zu han­deln. In Wahr­heit fol­gen wir Emo­tio­nen, Gewohn­hei­ten und sozia­lem Druck. Bia­ses len­ken uns, wäh­rend wir glau­ben, auto­nom zu ent­schei­den. Wir ver­mei­den Erkennt­nis­se, die unbe­quem sind und blei­ben in ver­trau­ten Mustern.
  3. Der gesell­schaft­li­che blin­de Fleck zeigt sich in der Igno­ranz gegen­über syste­mi­schen Abhän­gig­kei­ten. Glo­ba­le Lie­fer­ket­ten, Finanz­märk­te und digi­ta­le Infra­struk­tur sind fra­gil und kom­plex. Klei­ne Stö­run­gen kön­nen gros­se Kri­sen aus­lö­sen. Den­noch hal­ten wir die­se Syste­me für sta­bil, weil sie im Moment ruhig wir­ken.
  4. Der tech­no­lo­gi­sche blin­de Fleck ent­steht, weil wir schnel­ler ent­wickeln, als wir reflek­tie­ren. Wir fra­gen, was mög­lich ist, statt was ver­ant­wort­bar wäre. Inno­va­ti­on über­holt Ethik. Die Fähig­keit, Tech­no­lo­gie bewusst zu steu­ern, droht ver­lo­ren zu gehen.
  5. Der spi­ri­tu­el­le blin­de Fleck betrifft unser Ver­hält­nis zum Sinn. Vie­le Men­schen funk­tio­nie­ren, kon­su­mie­ren, opti­mie­ren. Die Fra­ge nach dem War­um wird ver­drängt. Ori­en­tie­rung geht ver­lo­ren, und mit ihr das Gefühl für das, was wirk­lich zählt.

Hand­lungs­emp­feh­lun­gen zur Arbeit mit blin­den Flecken

  • Radi­ka­le Ehr­lich­keit
    Ent­wick­le eine Rou­ti­ne, in der du dir selbst unbe­que­me Fra­gen stellst. Notie­re Situa­tio­nen, in denen du bewusst oder unbe­wusst aus­ge­wi­chen bist. Prü­fe, wel­che The­men du ver­mei­dest und war­um. Die­se Selbst­be­ob­ach­tung schafft Klar­heit und ver­hin­dert, dass blin­de Flecken unbe­merkt blei­ben.
  • Lang­sa­me­res Den­ken
    Baue bewusst Pau­sen in Ent­schei­dungs­pro­zes­se ein. Nut­ze kur­ze Refle­xi­ons­fen­ster, bevor du han­delst. Redu­zie­re Tem­po in Momen­ten, die nach Geschwin­dig­keit ver­lan­gen. So ent­ste­hen Räu­me, in denen Zusam­men­hän­ge sicht­bar wer­den, die im All­tag über­se­hen wer­den.
  • Syste­mi­sches Bewusst­sein
    Ana­ly­sie­re Ent­schei­dun­gen nicht iso­liert, son­dern im Kon­text ihrer Wech­sel­wir­kun­gen. Fra­ge dich, wel­che Men­schen, Syste­me oder Pro­zes­se betrof­fen sind. Visua­li­sie­re Netz­wer­ke und Abhän­gig­kei­ten. Wer das grös­se­re Bild sieht, erkennt Risi­ken frü­her und han­delt ver­ant­wor­tungs­vol­ler.
  • Ethik vor Tech­nik
    Prü­fe jede tech­no­lo­gi­sche Ent­schei­dung auf ihre gesell­schaft­li­che Wir­kung. Stel­le die Fra­ge nach Ver­ant­wor­tung vor die Fra­ge nach Mach­bar­keit. Ent­wick­le Kri­te­ri­en, die dir hel­fen, Inno­va­tio­nen nicht nur effi­zi­ent, son­dern auch sinn­voll ein­zu­set­zen.
  • Sinn­fra­gen zulas­sen
    Inte­grie­re die Fra­ge nach dem War­um in dei­nen All­tag. Hin­ter­fra­ge Zie­le, Rou­ti­nen und Prio­ri­tä­ten. Iden­ti­fi­zie­re Berei­che, in denen du funk­tio­nierst, statt zu gestal­ten. Sinn schafft Ori­en­tie­rung und ver­hin­dert, dass du dich in Kom­ple­xi­tät ver­lierst.
  • Gemein­schaft­li­che Refle­xi­on
    Schaf­fe Räu­me, in denen Men­schen gemein­sam den­ken, zwei­feln und hin­ter­fra­gen. Nut­ze Teams, Netz­wer­ke oder Com­mu­ni­ties, um Per­spek­ti­ven zu erwei­tern. Kol­lek­ti­ve Refle­xi­on macht sicht­bar, was Ein­zel­ne nicht erken­nen kön­nen und stärkt die Fähig­keit, blin­de Flecken gemein­sam zu bear­bei­ten.

Bild­quel­le

  • Urhe­ber­rech­te lie­gen bei Mathan

Eben­so ren­nen wir tech­no­lo­gisch schnel­ler, als wir den­ken kön­nen. Wir ent­wickeln Werk­zeu­ge, die unse­re Gesell­schaft for­men, bevor wir deren Wir­kung auf uns über­haupt begrei­fen.

Matthias Marthaler

Arti­kel, 15.09.2026