BG N°11: Warum Demokratie und Liberalismus einander brauchen

Demo­kra­tie und Libe­ra­lis­mus sind das Fun­da­ment einer frei­en Gesell­schaft. Im Zeit­al­ter von KI, digi­ta­ler Macht und gesell­schaft­li­chen Span­nun­gen stellt sich die zen­tra­le Fra­ge neu: Wer begrenzt die Mäch­te, die unse­re Frei­heit, Demo­kra­tie und Grund­rech­te prä­gen?

Als bereits im Som­mer 2023 das Rat­haus im fran­zö­si­schen Limo­ges in Flam­men stand, gin­gen die Bil­der um die Welt. Und bereits damals, sym­bo­li­sier­ten die­se Flam­men für die einen den Volks­zorn, wäh­rend ande­re einen Angriff auf die demo­kra­ti­sche Ord­nung dar­in sahen. Ent­schei­dend ist jedoch in die­sem Moment etwas ande­res: Nicht jede spon­ta­ne Wil­lens­äus­se­rung einer Men­ge stärkt die Frei­heit. Und nicht jede staat­li­che Reak­ti­on schützt sie. Zwi­schen bei­dem ver­läuft die schma­le Linie, auf der freie Gesell­schaf­ten seit Jahr­hun­der­ten balan­cie­ren.

Kaum ein poli­ti­scher Begriff wird häu­fi­ger ver­wen­det und gleich­zei­tig unschär­fer ver­stan­den als Frei­heit. Par­tei­en beru­fen sich auf sie. Unter­neh­men wer­ben mit ihr. Akti­vi­sten for­dern sie ein. Regie­run­gen ver­spre­chen sie. Doch je häu­fi­ger Frei­heit beschwo­ren wird, desto wich­ti­ger wird die Fra­ge, was eigent­lich gemeint ist. Beson­ders sicht­bar wird die­se Unschär­fe im Ver­hält­nis von Demo­kra­tie und Libe­ra­lis­mus. Bei­de Begrif­fe wer­den oft in einem Atem­zug genannt, als wären sie das­sel­be. Doch sie beant­wor­ten unter­schied­li­che Fra­gen. Demo­kra­tie klärt, wer ent­schei­den darf. Libe­ra­lis­mus legt fest, wo die Gren­zen die­ser Ent­schei­dungs­macht lie­gen. Demo­kra­tie ver­leiht Macht Legi­ti­mi­tät. Libe­ra­lis­mus begrenzt Macht. Erst gemein­sam schaf­fen sie die Vor­aus­set­zun­gen einer frei­en Gesell­schaft.

Die Geschich­te lie­fert genü­gend Bei­spie­le dafür, war­um bei­des not­wen­dig ist. Demo­kra­tie allein garan­tiert noch kei­ne Frei­heit. Eine Mehr­heit kann ver­sucht sein, ihre Über­zeu­gun­gen, Inter­es­sen oder Äng­ste zur all­ge­mei­nen Norm zu erklä­ren. Gera­de des­halb ent­stan­den Grund­rech­te. Mei­nungs­frei­heit, Glau­bens­frei­heit, Eigen­tums­ga­ran­tie oder der Schutz von Min­der­hei­ten sind kei­ne Gross­zü­gig­keit der Mehr­heit. Sie sind Schutz­räu­me vor ihr. Demo­kra­tie ohne libe­ra­le Leit­plan­ken kann in Mehr­heits­will­kür umschla­gen. Doch auch die Gegen­rich­tung birgt Gefah­ren. Libe­ra­lis­mus ohne Demo­kra­tie endet leicht dort, wo poli­ti­sche Ent­schei­dun­gen zuneh­mend von Gerich­ten, Exper­ten, Märk­ten oder wirt­schaft­li­chen Macht­zen­tren geprägt wer­den, ohne aus­rei­chen­de demo­kra­ti­sche Kon­trol­le. Frei­heit bedeu­tet nicht nur, vor Macht geschützt zu sein. Frei­heit bedeu­tet auch, am Gemein­we­sen teil­ha­ben und des­sen Regeln mit­ge­stal­ten zu kön­nen.

Genau hier zeich­net sich eine der gros­sen Her­aus­for­de­run­gen des 21. Jahr­hun­derts ab. Wäh­rend frü­he­re Gene­ra­tio­nen vor allem die Macht des Staa­tes fürch­te­ten, ent­ste­hen heu­te neue Macht­zen­tren. Glo­ba­le Tech­no­lo­gie­kon­zer­ne kon­trol­lie­ren Kom­mu­ni­ka­ti­ons­in­fra­struk­tu­ren, digi­ta­le Markt­plät­ze und Infor­ma­ti­ons­strö­me. Platt­for­men bestim­men zuneh­mend, wel­che Inhal­te sicht­bar wer­den und wel­che in der Bedeu­tungs­lo­sig­keit ver­schwin­den. Wer die Auf­merk­sam­keit von Mil­lio­nen Men­schen steu­ert, beein­flusst nicht nur Märk­te, son­dern auch gesell­schaft­li­che Debat­ten. Mit dem Auf­stieg künst­li­cher Intel­li­genz ver­schärft sich die­se Ent­wick­lung zusätz­lich. Noch nie in der Geschich­te war es mög­lich, Infor­ma­tio­nen, Bil­der, Stim­men oder Tex­te in einer sol­chen Geschwin­dig­keit und Ska­lie­rung zu erzeu­gen. Die Fra­ge lau­tet des­halb nicht mehr nur, wer Infor­ma­tio­nen besitzt. Die Fra­ge lau­tet zuneh­mend, wer Wirk­lich­keit prägt. Wer die lei­stungs­fä­hig­sten Model­le, die gröss­ten Daten­men­gen und die ent­schei­den­den digi­ta­len Infra­struk­tu­ren kon­trol­liert, gewinnt Ein­fluss auf öffent­li­che Mei­nungs­bil­dung, wirt­schaft­li­che Ent­wick­lung und poli­ti­sche Pro­zes­se.

Des­halb greift ein Frei­heits­ver­ständ­nis zu kurz, das Frei­heit aus­schliess­lich als Abwe­sen­heit staat­li­cher Ein­grif­fe inter­pre­tiert. Frei­heit wird nicht nur durch einen über­mäch­ti­gen Staat bedroht. Sie kann eben­so durch die Kon­zen­tra­ti­on wirt­schaft­li­cher oder tech­no­lo­gi­scher Macht ein­ge­schränkt wer­den. Wo weni­ge Akteu­re über­pro­por­tio­na­len Ein­fluss gewin­nen, ver­lie­ren ande­re rea­le Hand­lungs­mög­lich­kei­ten, selbst wenn ihre for­ma­len Rech­te unan­ge­ta­stet blei­ben. Der klas­si­sche Libe­ra­lis­mus ver­stand die­sen Zusam­men­hang bes­ser, als es man­che heu­ti­ge Debat­te ver­mu­ten lässt. Sein Kern war nie die Ableh­nung von Regeln. Sein Kern war die Begren­zung von Macht. Gewal­ten­tei­lung, Rechts­staat­lich­keit, Wett­be­werbs­schutz und Grund­rech­te soll­ten ver­hin­dern, dass ein­zel­ne Akteu­re eine domi­nie­ren­de Stel­lung erlan­gen. Regeln waren nicht der Gegen­pol zur Frei­heit. Sie waren ihre Vor­aus­set­zung.

Gera­de die Schweiz ver­deut­licht die­se Span­nung beson­ders ein­drück­lich. Die direk­te Demo­kra­tie gehört zu den bemer­kens­wer­te­sten poli­ti­schen Inno­va­tio­nen der Neu­zeit. Sie ermög­licht Mit­spra­che, stärkt Eigen­ver­ant­wor­tung und ver­leiht Ent­schei­dun­gen hohe Legi­ti­mi­tät. Gleich­zei­tig erin­nert der Rechts­staat dar­an, dass nicht alles dem Mehr­heits­ent­scheid unter­lie­gen darf. Eine Abstim­mung kann legi­tim sein und den­noch mit grund­le­gen­den Frei­heits­rech­ten kol­li­die­ren. Demo­kra­tie beant­wor­tet nicht jede Fra­ge. Sie braucht Gren­zen, die sie selbst respek­tiert.

Die eigent­li­che Stär­ke frei­er Gesell­schaf­ten liegt des­halb nicht im Sieg eines Prin­zips über das ande­re. Sie liegt in ihrem Gleich­ge­wicht. Demo­kra­tie sorgt dafür, dass Macht vom Volk aus­geht. Libe­ra­lis­mus sorgt dafür, dass Macht begrenzt bleibt. Demo­kra­tie gibt Frei­heit eine Stim­me. Libe­ra­lis­mus gibt ihr Schutz. Viel­leicht ist genau die­se Span­nung das Erfolgs­ge­heim­nis libe­ra­ler Demo­kra­tien. Sie beru­hen nicht auf der Illu­si­on, dass Macht und Ungleich­heit ver­schwin­den. Sie beru­hen auf der Ein­sicht, dass Macht kon­trol­liert wer­den muss. Die ent­schei­den­de poli­ti­sche Fra­ge lau­tet nicht, ob Macht begrenzt wer­den soll. Die ent­schei­den­de Fra­ge lau­tet, wel­che Macht­ein­flüs­se wir gera­de über­se­hen.

Denn Frei­heit beginnt nicht dort, wo Regeln ver­schwin­den. Frei­heit beginnt dort, wo nie­mand mäch­tig genug ist, ande­ren sei­nen Wil­len auf­zu­zwin­gen.

Bild­quel­le

  • Urhe­ber­recht von Mathan

«Eine freie Gesell­schaft erkennt man nicht dar­an, dass nie­mand Macht besitzt, son­dern dar­an, dass kei­ne Macht unkon­trol­liert bleibt.»

Matthias Marthaler

Work­shop, 14.10.2026