BG N°9: Wenn die Systeme müde werden?

Der post­mo­der­ne Erschöp­fungs­ni­hi­lis­mus ist kein Jugend­pro­blem, son­dern ein struk­tu­rel­les Warn­si­gnal. Wäh­rend Insti­tu­tio­nen sich selbst ver­wal­ten, die Wirt­schaft den Takt vor­gibt und jun­ge Men­schen die Last einer über­dreh­ten Welt tra­gen, zeigt sich eine Wahr­heit, die wir zu lan­ge igno­riert haben. Nicht die Men­schen sind erschöpft, die Syste­me sind es. Und genau des­halb müs­sen wir neu fra­gen, wem unse­re Gesell­schaft eigent­lich dient, wie wir Sinn wie­der her­stel­len und war­um jene, die die Zukunft erle­ben wer­den, kaum Ein­fluss auf die­se haben.

Der Nihi­lis­mus war ein­mal ein Luxus­pro­blem von Phi­lo­so­phen wie Nietz­sche, Camus, Kier­ke­gaard. Sie hat­ten Zeit, sich auf dem intel­lek­tu­el­len Gefechts­feld mit dem Sinn des Lebens zu prü­geln. Heu­te wirkt das fast nost­al­gisch. Denn der Nihi­lis­mus, der uns jetzt begeg­net, ist kein intel­lek­tu­el­ler Dis­kurs. Er ist ein Burn­out. Ein kol­lek­ti­ves «Ich kann nicht mehr, ihr könnt mich mal». Ein schwei­gen­der Pro­test­zug, den nie­mand ernst nimmt, weil er kei­ne Pla­ka­te trägt.

Ich sit­ze in einer Online‑Sitzung, die so ziel­los ist, dass man sie eigent­lich aus Grün­den der psy­chi­schen Hygie­ne abbre­chen müss­te. Es wird gere­det, um kei­ne Stil­le auf­kom­men zu las­sen, nicht um etwas zu ent­schei­den. Und wäh­rend ich die­sem digi­ta­len Leer­lauf zuse­he, lese ich auf einem Online­por­tal über Jugend­li­che, sogar Kin­der, die in Online-Foren zu Selbst­ver­let­zung und Sui­zid gedrängt wer­den, von… Gleich­alt­ri­gen, die sich sel­bi­ges antun. Sie schlies­sen sich zusam­men, um Schmerz zu tei­len. Offen­bar geht es nicht um blos­se Gewalt. Son­dern weil die Erwach­se­nen­welt ihnen die Ver­ant­wor­tung für ihre eige­ne Über­for­de­rung über­lässt. Eine Gesell­schaft, die Men­schen zu Pro­jek­ten macht, darf sich nicht wun­dern, wenn die­se Men­schen, irgend­wann wie Pro­jek­te reagie­ren: mit Rück­zug, Über­rei­zung, Selbst­schutz.

Ein Phan­tom geht in Euro­pa um, der «post­mo­der­ne Erschöp­fungs­ni­hi­lis­mus». Er ent­steht nicht aus intel­lek­tu­el­ler Rebel­li­on, son­dern aus dem Gefühl, dass die Welt sich längst ent­schie­den hat, nicht mehr zuzu­hö­ren.

Man sieht ihn über­all. In Ver­ei­nen, die ver­zwei­felt Frei­wil­li­ge suchen. In Gemein­den, die Jugend­räu­me schlies­sen, aus Bud­get­grün­den oder weil man schlicht vor den Beschwer­den kapi­tu­liert hat. In einer poli­ti­schen Kul­tur, die jun­ge Men­schen erst hört, wenn sie laut wer­den und sie dann dafür belehrt, dass Laut­stär­ke kein Argu­ment sei. Als ob Schwei­gen je etwas ver­än­dert hät­te.

Jahr­zehn­te­lang haben Insti­tu­tio­nen sich selbst ver­wal­tet, statt Men­schen zu beglei­ten. Jahr­zehn­te­lang wur­de über jeden denk­ba­ren Kanal Effi­zi­enz und Opti­mie­rung gepre­digt, ohne sich mit dem tie­fe­ren Sinn zu beschäf­ti­gen. Jahr­zehn­te­lang hat man Gemein­schaft beschwo­ren, aber kei­ne Zeit dafür gelas­sen.
Nar­ziss­mus ist in so einer Welt eine Über­le­bens­stra­te­gie. Kon­su­mis­mus ein Ersatz für Bin­dung, die fehlt.

Der post­mo­der­ne Erschöp­fungs­ni­hi­lis­mus ist kein Jugend­pro­blem. Er ist ein System­pro­blem. Er zeigt den Ver­schleiss der Insti­tu­tio­nen. Er ist die prä­zi­se­ste Dia­gno­se einer Gesell­schaft, die sich selbst über­for­dert hat. Und er ist ein Spie­gel, den wir nicht weg­dis­ku­tie­ren kön­nen. Denn viel­leicht ist der eigent­li­che Skan­dal nicht, dass jun­ge Men­schen sich zurück­zie­hen und selbst ver­letz­ten. Son­dern dass die alten Struk­tu­ren glau­ben, sie könn­ten ein­fach wei­ter­ma­chen wie bis­her. Ver­ant­wort­li­che, die schein­bar ent­schie­den haben, Her­aus­for­de­run­gen von «A» wie Arten­ster­ben und Arbeits­lo­sig­keit, über «N» wie Nar­ziss­mus­öko­no­mie bis «Z» wie Zivi­li­sa­ti­ons­ri­si­ken, ein­fach nur aus­zu­sit­zen.

Viel­leicht ist der Erschöp­fungs­ni­hi­lis­mus kei­ne Kapi­tu­la­ti­on. Viel­leicht ist er schlicht die letz­te War­nung einer Gene­ra­ti­on, die ver­stan­den hat, dass man Sinn nicht pre­di­gen kann, wenn man ihn poli­tisch ver­wei­gert. Da hel­fen auch kei­ne mar­ki­gen Alt­her­ren-Sprü­che oder Resi­stenz­trai­nings.

Ein Ange­bot. Wei­ter­denk-Fra­gen:

  1. Jugend­bild: Sind jun­ge Gene­ra­tio­nen wirk­lich ver­weich­licht oder ein­fach die ersten, die ehr­lich zei­gen, wie über­for­dernd unse­re Welt gewor­den ist?
  2. Takt­fra­ge: Wer dient wem, die Wirt­schaft den Men­schen oder die Men­schen der Wirt­schaft?
  3. System­fra­ge: Was kommt nach dem «immer mehr, immer schnel­ler, immer besser»‑System, in einer Welt deren Res­sour­cen end­lich sind?
  4. Stimm­rechts­al­ter: Wür­de ein Stimm­rechts­al­ter 16 oder 14 jun­gen Men­schen ech­te Selbst­wirk­sam­keit geben und uns eine Zukunft, die von jenen gestal­tet wird, die sie erle­ben?
  5. Gemein­schafts­or­te: Wie stär­ken wir die Orte, an denen Sinn ent­steht: Jugend­räu­me, Ver­ei­ne, Kul­tur­stät­ten, öffent­li­che Treff­punk­te?
  6. Insti­tu­tio­nen: Wie erneu­ern wir Insti­tu­tio­nen die Men­schen beglei­ten sol­len, aber sich längst nur noch selbst ver­wal­ten?
  7. Sinn­quel­len: Wel­che neu­en Sinn­quel­len braucht eine Gesell­schaft, die den alten Erzäh­lun­gen nicht mehr glaubt?
  8. Ver­ant­wor­tung: Wann begin­nen wir, Erschöp­fung als struk­tu­rel­les Pro­blem zu begrei­fen und nicht als indi­vi­du­el­les Ver­sa­gen?

Bild­quel­le

  • Bild ist KI-gene­riert und im Urhe­ber­recht von Mathan
Der post­mo­der­ne Erschöp­fungs­ni­hi­lis­mus ist kei­ne Schwä­che der Jugend, son­dern die prä­zi­se­ste Dia­gno­se einer Gesell­schaft, die sich selbst über­for­dert hat.

Matthias Marthaler

Arti­kel, 29.09.2026