BG N°7: Das Recht auf den menschlichen Irrtum oder Warum wir einen „Human-Override“ brauchen

Effi­zi­enz durch Algo­rith­men klingt viel­leicht ver­lockend, doch sie kostet uns Talent, Viel­falt und Mensch­lich­keit. Und sie ver­führt dazu, Ver­ant­wor­tung abzu­ge­ben und die KI als beque­me Aus­re­de aus­zu­nut­zen. Dar­um brau­chen wir ein Recht auf den «Human-Over­ri­de». KI soll unter­stüt­zen, sor­tie­ren, ana­ly­sie­ren, aber sicher nicht über Zukunft, Chan­cen oder Teil­ha­be ent­schei­den. Wo es exi­sten­zi­ell wird, braucht es ein Gegen­über, das Feh­ler erkennt und aus ihnen lernt.

Wir haben uns lan­ge ein­ge­re­det, dass Maschi­nen objek­tiv sei­en. „Algo­rith­men lügen nicht, sie sind neu­tral und ihr Out­put fusst auf nüch­ter­nen Berech­nun­gen“, wur­de uns weis­ge­macht. Und so über­las­sen wir ihnen nur all­zu ger­ne immer mehr Ent­schei­dun­gen, die tie­fer und tie­fer in das Leben ein­zel­ner Men­schen ein­grei­fen: Bewer­bun­gen, Schul­no­ten, Kre­di­te. Heu­te, 2026, wis­sen wir aber, dass Algo­rith­men sehr wohl «lügen» kön­nen. Sie repro­du­zie­ren in ihrem Out­put die Ver­zer­run­gen und Muster ihrer Trai­nings­da­ten. Die eigent­li­che Fra­ge lau­tet des­halb nicht mehr, was KI kann, son­dern, was sie dür­fen soll, bevor wir begin­nen, unse­re ethi­sche Ver­ant­wor­tung an eine Black­box abzu­ge­ben.

Das eigent­li­che Pro­blem liegt dar­in, dass KI kei­nen Kon­text ver­steht. Ein System zur Per­so­nal­aus­wahl kann Muster erken­nen und ver­glei­chen. Es regi­striert den unge­wöhn­li­chen Lebens­lauf, aber nicht die Geschich­te, die den Men­schen dahin­ter geprägt hat. Eine Kri­se, die jeman­den wider­stands­fä­hi­ger gemacht hat oder die bio­gra­fi­schen Umwe­ge, aus denen eine beson­de­re Fähig­keit ent­stan­den ist, blei­ben für eine Maschi­ne immer ein blin­der Fleck. In der Aus­bil­dung wie­der­holt sich die­ses Muster. Wer nicht ins Raster passt, fällt durchs Netz, bevor er über­haupt zei­gen kann, was in ihm steckt. Effi­zi­enz klingt ver­lockend, doch wenn sie dazu führt, dass wir Poten­zi­al ver­lie­ren, zah­len wir einen Preis, der höher ist als jede ein­ge­spar­te Minu­te.

Und dann ist da noch die Ver­ant­wor­tung. Je mehr wir auto­ma­ti­sie­ren, desto leich­ter wird es, sie abzu­ge­ben. Ich wage die Pro­gno­se, dass der Satz „Die KI hat es so ent­schie­den“, zu einer immer häu­fi­ger gehör­ten Aus­re­de wird. Bequem klingt er ja. Er wirkt auch so nach­voll­zieh­bar. Und er ist gefähr­lich in einer Wei­se, die mich an Sci­ence-Fic­tion-Fil­me aus mei­ner Jugend erin­nert. Ein Code kann kei­ne Ver­ant­wor­tung tra­gen. Er kann nicht bereu­en, nicht nach­füh­len und nicht ent­schei­den, wann auch mal «ein Auge zuge­drückt» wer­den soll­te. Genau des­halb braucht es eine kla­re Gren­ze. Wo Ent­schei­dun­gen exi­sten­zi­ell wer­den, in Beruf, Bil­dung, Recht und sozia­ler Teil­ha­be, muss ein Mensch das letz­te Wort haben. Nicht weil Men­schen feh­ler­frei sind, son­dern weil sie Feh­ler erken­nen, kor­ri­gie­ren und aus ihnen ler­nen kön­nen.

Dar­um brau­chen wir ein Recht auf den „Human-Over­ri­de“. KI soll uns unter­stüt­zen, uns Hin­wei­se geben, Sze­na­ri­en durch­spie­len und ger­ne unse­re Abla­ge ord­nen. Aber der fina­le Ent­scheid gehört einem Men­schen, der dafür gera­de­steht. Die­ses Recht schützt uns nicht nur vor Bias. Es schützt uns davor, unser Leben auf ein paar weni­ge Varia­blen zu redu­zie­ren. Es ist das Recht auf den mensch­li­chen Irr­tum und damit auch auf die vie­len fei­nen Abstu­fun­gen zwi­schen rich­tig und falsch.

Effi­zi­enz ist kein Selbst­zweck. Eine Gesell­schaft, die nur noch schnell ent­schei­det, ver­liert irgend­wann die Fähig­keit, dif­fe­ren­ziert zu ent­schei­den. Unse­re Stär­ke liegt dar­in, dass wir über­ra­schen kön­nen, empa­thisch sind und bewusst Ermes­senspiel­räu­me nut­zen. Der Mensch bleibt im «Loop» als gewoll­tes Hin­der­nis, als Gewis­sen.

Bild­quel­le

  • Urhe­ber­rech­te lie­gen bei Mathan

„Künst­li­che Intel­li­genz wird von Men­schen gemacht und ein­ge­setzt. Sie ist gestalt­bar.“

UNESCO

Emp­feh­lung zur Ethik der Künst­li­chen Intel­li­genz, 2021