BG N°6: Der Mindset‑Mythos! Wie Erfolgscoaches Ungleichheit unsichtbar machen.

Die Coa­ching­in­du­strie ver­kauft gren­zen­lo­se Selbst­op­ti­mie­rung und blen­det dabei Pri­vi­le­gi­en, sozia­le Ungleich­heit und struk­tu­rel­le Fak­to­ren syste­ma­tisch aus. Mindset‑Mantras und Power‑Seminare ver­schie­ben Ver­ant­wor­tung vom System zum Indi­vi­du­um und machen aus gesell­schaft­li­chen Pro­ble­men per­sön­li­che Schwä­chen. Zeit für ein Nar­ra­tiv, das Koope­ra­ti­on, Gerech­tig­keit und ech­te gesell­schaft­li­che Ver­ant­wor­tung ins Zen­trum stellt.

Gestern mor­gen hat mir mein Gegen­über bei einer Tas­se tief­schwar­zen Kaf­fees — ich konn­te mei­nen Kaf­fee gera­de noch vor einem eif­ri­gen Gutsch Milch bewah­ren — von einem Coa­chings­emi­nar erzählt. Der Life­coach hat­te ihn zutiefst inspi­riert, sogar rich­tig gehend mit­ge­ris­sen. Wäh­rend ich auf der Zun­ge neben der bit­te­ren Süs­se, auch etwas Sal­zi­ges in der heis­sen leicht öli­gen Flüs­sig­keit aus­zu­ma­chen glaub­te, erzähl­te er mir von sei­nem Wochen­en­de in Stutt­gart. Neben ein paar «Net­wor­king-Mee­tings» nahm mein Gesprächs­part­ner an einem Semi­nar mit einer ganz erstaun­li­chen «Goal-Exe­cu­ti­on Road­map» teil. Ich kann­te den Namen des «Busi­ness- und Life­coa­ches» schon aus Pod­casts und den Sozia­len Medi­en. Und wäh­rend ich über die fei­nen Geruchs­re­zep­to­ren in mei­ner Nase Noten von Kara­mell, Schwarz­dorn und… ja, ich glau­be da war Min­ze, wahr­nahm, lie­fer­te er mir die, aus sei­ner Sicht wich­tig­sten «Take Always» dazu.

Die Quint­essenz lässt sich auf einen Satz redu­zie­ren: «Du schaffst alles, solan­ge Du nur willst und bereit bist, alles dafür zu tun». Gera­de uns Schwei­zer ist die­se pro­te­stan­ti­sche Arbeits- und Gesell­schafts­ethik in Mark und Bein über gegan­gen.

Von «Im Schweis­se dei­nes Ange­sichts, ist der Herr mit den Fleis­si­gen und Erfolg­rei­chen» zu «Du bist dein ein­zi­ges Limit» oder «Erfolg pas­siert nicht. Er wird gewählt.» ist es da kein wei­ter Weg. Die Sozia­len Medi­en und Strea­ming­dien­ste sind glei­cher­mas­sen damit geflu­tet, wie Biblio­the­ken und Buch­hand­lun­gen.

Der Umkehr­schluss aus die­sen Erfolgs­nar­ra­ti­ven ist, dass Miss­erfol­ge, Ver­lu­ste usw. ein­zig auf den feh­len­den Wil­len oder die Faul­heit des Ein­zel­nen zurück­zu­füh­ren sind. Dar­an stört mich, in eben der puber­tä­ren Unsi­cher­heit hin­ter dem gan­zen Erfolgs‑, Lea­der­ship- und Opti­mie­rungs­ge­schäft, die abso­lu­te Igno­ranz gegen­über den Ungleich­hei­ten des Lebens.

Wür­den wir vor einer schö­nen gros­sen Kie­fer einen eben­mäs­si­gen Strich am Boden zie­hen und dahin­ter einen Gold­fisch in sei­nem Aqua­ri­um neben einer Giraf­fe, einem Eich­hörn­chen und einem Wid­der auf­stel­len und die­se dann gegen­ein­an­der im Klet­tern antre­ten las­sen, wüss­ten wir instink­tiv, dass das unge­recht ist.

Zudem basie­ren die­se «Road­maps» auf den Erzäh­lun­gen von Men­schen, die bei der Rekon­struk­ti­on ihres Erfolgs ger­ne weg­las­sen, dass die Lebens­um­stän­de, die wirt­schaft­li­che Kraft der Eltern, gene­ti­sche Vor­aus­set­zun­gen oder schlicht Glück oft einen mass­geb­li­che­ren Anteil an ihrem Erfolg hat­ten als Dis­zi­plin, Selbst­kon­trol­le und Wil­lens­kraft.

Schliess­lich geht es immer nur um ein Pro­dukt, das ver­mark­tet sein will: eine Mit­glied­schaft, ein Rat­ge­ber, ein Nah­rungs­er­gän­zungs­mit­tel oder eben ein Semi­nar in Stutt­gart. Und die all­ge­gen­wär­ti­ge Illu­si­on, dass wir, wenn wir nur unser Mind­set in den Griff bekom­men, uns vor Unfrei­heit, Armut und dem «System» in den Erfolg ret­ten kön­nen. Wer das nicht schafft, ist zu schwach, zu emo­tio­nal und selbst schuld.

Und wäh­rend ich den fast schon her­ben Abgang der Ara­bica Boh­nen auf mei­nem Gau­men wahr­neh­me, kommt auch mein Gegen­über zum Abschluss sei­ner Bericht­erstat­tung. Mein Pro­blem mit die­sen Selbst­op­ti­mie­rungs- und Erfolgs­leh­ren ist, dass ich davon über­zeugt bin, dass sie nur funk­tio­nie­ren, wenn einem die Mit­men­schen voll­kom­men egal sind. Wenn Erfolg ein­zig, als Pro­dukt des eige­nen Wil­lens ver­kauft wird, dann wird Ungleich­heit zur Pri­vat­sa­che und Gerech­tig­keit zur Bei­gemü­se. Die­se Nar­ra­ti­ve ver­schie­ben Ver­ant­wor­tung vom System zum Indi­vi­du­um. Viel­leicht ist es Zeit, die­se Erzäh­lun­gen nicht nur zu hin­ter­fra­gen, son­dern ihnen ein neu­es, rea­li­sti­sche­res Men­schen­bild ent­ge­gen­zu­stel­len.

Sind es nicht Soli­da­ri­tät und Koope­ra­ti­on, die wir för­dern und auch beloh­nen sol­len?
Was ist ein Erfolg wert, wenn nie­mand aus­ser dir etwas davon hat?

Bild­quel­le

  • Bild ist KI-gene­riert und im Urhe­ber­recht von Mathan

Wenn Erfolg nur als Wil­le ver­kauft wird, wird Ungleich­heit unsicht­bar und Soli­da­ri­tät zum blin­den Fleck.

Matthias Marthaler

GRW26 Work­shop, 27.02.2026