Gestern morgen hat mir mein Gegenüber bei einer Tasse tiefschwarzen Kaffees — ich konnte meinen Kaffee gerade noch vor einem eifrigen Gutsch Milch bewahren — von einem Coachingseminar erzählt. Der Lifecoach hatte ihn zutiefst inspiriert, sogar richtig gehend mitgerissen. Während ich auf der Zunge neben der bitteren Süsse, auch etwas Salziges in der heissen leicht öligen Flüssigkeit auszumachen glaubte, erzählte er mir von seinem Wochenende in Stuttgart. Neben ein paar «Networking-Meetings» nahm mein Gesprächspartner an einem Seminar mit einer ganz erstaunlichen «Goal-Execution Roadmap» teil. Ich kannte den Namen des «Business- und Lifecoaches» schon aus Podcasts und den Sozialen Medien. Und während ich über die feinen Geruchsrezeptoren in meiner Nase Noten von Karamell, Schwarzdorn und… ja, ich glaube da war Minze, wahrnahm, lieferte er mir die, aus seiner Sicht wichtigsten «Take Always» dazu.
Die Quintessenz lässt sich auf einen Satz reduzieren: «Du schaffst alles, solange Du nur willst und bereit bist, alles dafür zu tun». Gerade uns Schweizer ist diese protestantische Arbeits- und Gesellschaftsethik in Mark und Bein über gegangen.
Von «Im Schweisse deines Angesichts, ist der Herr mit den Fleissigen und Erfolgreichen» zu «Du bist dein einziges Limit» oder «Erfolg passiert nicht. Er wird gewählt.» ist es da kein weiter Weg. Die Sozialen Medien und Streamingdienste sind gleichermassen damit geflutet, wie Bibliotheken und Buchhandlungen.
Der Umkehrschluss aus diesen Erfolgsnarrativen ist, dass Misserfolge, Verluste usw. einzig auf den fehlenden Willen oder die Faulheit des Einzelnen zurückzuführen sind. Daran stört mich, in eben der pubertären Unsicherheit hinter dem ganzen Erfolgs‑, Leadership- und Optimierungsgeschäft, die absolute Ignoranz gegenüber den Ungleichheiten des Lebens.
Würden wir vor einer schönen grossen Kiefer einen ebenmässigen Strich am Boden ziehen und dahinter einen Goldfisch in seinem Aquarium neben einer Giraffe, einem Eichhörnchen und einem Widder aufstellen und diese dann gegeneinander im Klettern antreten lassen, wüssten wir instinktiv, dass das ungerecht ist.
Zudem basieren diese «Roadmaps» auf den Erzählungen von Menschen, die bei der Rekonstruktion ihres Erfolgs gerne weglassen, dass die Lebensumstände, die wirtschaftliche Kraft der Eltern, genetische Voraussetzungen oder schlicht Glück oft einen massgeblicheren Anteil an ihrem Erfolg hatten als Disziplin, Selbstkontrolle und Willenskraft.
Schliesslich geht es immer nur um ein Produkt, das vermarktet sein will: eine Mitgliedschaft, ein Ratgeber, ein Nahrungsergänzungsmittel oder eben ein Seminar in Stuttgart. Und die allgegenwärtige Illusion, dass wir, wenn wir nur unser Mindset in den Griff bekommen, uns vor Unfreiheit, Armut und dem «System» in den Erfolg retten können. Wer das nicht schafft, ist zu schwach, zu emotional und selbst schuld.
Und während ich den fast schon herben Abgang der Arabica Bohnen auf meinem Gaumen wahrnehme, kommt auch mein Gegenüber zum Abschluss seiner Berichterstattung. Mein Problem mit diesen Selbstoptimierungs- und Erfolgslehren ist, dass ich davon überzeugt bin, dass sie nur funktionieren, wenn einem die Mitmenschen vollkommen egal sind. Wenn Erfolg einzig, als Produkt des eigenen Willens verkauft wird, dann wird Ungleichheit zur Privatsache und Gerechtigkeit zur Beigemüse. Diese Narrative verschieben Verantwortung vom System zum Individuum. Vielleicht ist es Zeit, diese Erzählungen nicht nur zu hinterfragen, sondern ihnen ein neues, realistischeres Menschenbild entgegenzustellen.
Sind es nicht Solidarität und Kooperation, die wir fördern und auch belohnen sollen?
Was ist ein Erfolg wert, wenn niemand ausser dir etwas davon hat?
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