BG N°4 — Hitze als neue Kulturtechnik der Arbeit

Hit­ze ist längst kein meteo­ro­lo­gi­sches Rand­phä­no­men mehr. Sie ist ein gesell­schaft­li­cher Stress­test, ein Spie­gel unse­rer Arbeits­kul­tur und ein unbe­stech­li­cher Hin­weis dar­auf, dass die Schweiz sich in einem Kli­ma wie­der­fin­det, das frü­her als «süd­lich» galt.

Die Vor­stel­lung, dass extre­me Tem­pe­ra­tu­ren hier­zu­lan­de mög­lich sind, wirkt zunächst irri­tie­rend, doch sie ist Aus­druck einer Rea­li­tät. Gera­de ange­sichts der Tem­pe­ra­tu­ren in die­sem Juni, lässt sich die­se Rea­li­tät auch nicht mehr weg­dis­ku­tie­ren.

Die Fra­ge lau­tet nicht, ob wir uns anpas­sen müs­sen, son­dern wie radi­kal die­se Anpas­sung sein darf, sogar sein muss. Hit­ze zwingt uns, Arbeit neu zu den­ken: nicht als star­res System, son­dern als beweg­li­che Kul­tur­tech­nik.

Hit­ze als Trans­for­ma­ti­ons­mo­tor

Die Schweiz ist stolz auf ihre Effi­zi­enz, ihre Prä­zi­si­on und ihre linea­ren Arbeits­zei­ten. Doch Hit­ze ist nicht line­ar. Sie folgt Rhyth­men, die sich nicht in Tabel­len pres­sen las­sen. Wenn Tem­pe­ra­tu­ren stei­gen, kol­la­bie­ren nicht nur kör­per­li­che Bela­stungs­gren­zen, son­dern auch die kul­tu­rel­len Gewohn­hei­ten, die wir für selbst­ver­ständ­lich hal­ten.

Süd­li­che und äqua­tor­na­he Län­der, wie Spa­ni­en, Isra­el, Chi­le oder Austra­li­en, haben längst gelernt, mit Hit­ze zu arbei­ten statt gegen sie. Sie zei­gen, dass Anpas­sung kein Zei­chen von Schwä­che ist, son­dern ein stra­te­gi­scher Vor­teil.
Ihre Syste­me sind nicht folk­lo­ri­sti­sche Sie­sta-Roman­tik, son­dern hoch­prä­zi­se Ant­wor­ten auf kli­ma­ti­sche Bedin­gun­gen:
- Arbeits­blöcke in den frü­hen Mor­gen­stun­den
- Ver­scho­be­ne Schul­zei­ten
- Wet­ter­warn­sy­ste­me und stan­dar­di­sier­te Ver­hal­tens­aus­bil­dung in Schu­len
- Schat­ten­ar­chi­tek­tur statt über­di­men­sio­nier­ter Kühl­tech­nik
- Vor­aus­schau­en­de Forst- und Gar­ten­wirt­schaft, auch in der Stadt­be­grüh­nung
- Hit­ze­pro­to­kol­le für Bau, Trans­port und Land­wirt­schaft
- Fle­xi­ble Zeit­fen­ster für Wis­sens­ar­beit
- Füh­rungs­kul­tu­ren, die Tem­pe­ra­tur als Res­sour­ce begrei­fen

Die­se Län­der sind wirt­schaft­lich ver­gleich­bar mit der Schweiz, tech­no­lo­gisch, indu­stri­ell, dienst­lei­stungs­ori­en­tiert. Ihre Lösun­gen sind daher nicht exo­tisch, son­dern über­trag­bar.

Büro! Die unter­schätz­te Hit­ze­zo­ne

Das Büro gilt als kli­ma­ti­sier­ter Schutz­raum. Doch die Abhän­gig­keit von Kühl­tech­nik ist trü­ge­risch. Hit­ze ver­än­dert Kon­zen­tra­ti­on, Krea­ti­vi­tät, Ent­schei­dungs­fä­hig­keit und Umgangs­for­men. Sie zwingt uns, die Fra­ge zu stel­len, ob klas­si­sche Arbeits­zei­ten noch sinn­voll sind.

Moder­ne Arbeits­kul­tu­ren zei­gen Alter­na­ti­ven: Frü­her Start, län­ge­re Mit­tags­pau­se, Home­of­fice, krea­ti­ve Arbeit am Abend, hybri­de Model­le, die Hit­ze­pe­ri­oden berück­sich­ti­gen. Gebäu­de wer­den so geplant, dass sie Hit­ze nicht bekämp­fen, son­dern lei­ten. Füh­rungs­kräf­te ler­nen, Tem­pe­ra­tur als Teil der Arbeits­pla­nung zu ver­ste­hen. Hit­ze wird damit zu einem Manage­ment­the­ma, nicht zu einer Stö­rung.

Schu­le! Ler­nen im Takt der Tem­pe­ra­tur

Unse­re Bil­dungs­sy­ste­me sind beson­ders hit­ze­emp­find­lich. Klas­sen­zim­mer, die bei 30°C noch funk­tio­nie­ren, gera­ten bei 35°C ins Wan­ken und bei 40°C Aus­sen­tem­pe­ra­tur an die Gren­ze des Zumut­ba­ren. Län­der mit heis­sen Som­mern haben längst reagiert: Unter­richts­zei­ten wer­den ange­passt, Pau­sen rhyth­mi­sier­ter, Schat­ten­räu­me genutzt, Selbst­re­gu­la­ti­on gelehrt.
Die Schweiz hält dage­gen an star­ren Stun­den­plä­nen fest. Doch ein moder­nes Bil­dungs­sy­stem muss Kli­ma­re­si­li­enz ver­mit­teln, nicht als Zusatz, son­dern als Grund­kom­pe­tenz. Hit­ze, der Umgang mit Wet­ter­ex­tre­men und das Wis­sen den per­sön­li­chen Schutz sind ein päd­ago­gi­scher Fak­tor.

Hand­werk! Hit­ze als Sicher­heits­fra­ge

Im Bau­ge­wer­be ist Hit­ze kein Kom­fort­the­ma, son­dern ein Risi­ko. Län­der mit heis­sen Kli­ma­zo­nen haben kla­re Regeln: Tem­pe­ra­tur­gren­zen, Pflicht­pau­sen, mobi­le Schat­ten­struk­tu­ren, Was­ser­pro­to­kol­le, Team­ro­ta­tio­nen. Die­se Syste­me sind über­le­bens­wich­tig.
Die Schweiz wird ähn­li­che Stan­dards ent­wickeln müs­sen, nicht aus kul­tu­rel­ler Bewun­de­rung, son­dern aus prag­ma­ti­scher Not­wen­dig­keit.

Die Schweiz zwi­schen Alpen und Äqua­tor

Die Schweiz steht an einem Wen­de­punkt. Hit­ze und die extre­men Wet­ter­ereig­nis­se, wel­che in Zukunft noch zuneh­men, zwingt sie, sich neu zu erfin­den. Es wür­de der Schweiz gut anste­hen, als Nati­on, die nicht nur auf Prä­zi­si­on setzt, son­dern auf Anpas­sungs­fä­hig­keit. Die Vor­stel­lung extre­mer Tem­pe­ra­tu­ren ist unbe­quem, aber pro­duk­tiv: Sie öff­net den Raum für Inno­va­ti­on.

Unse­re Denk­fa­brik ver­steht Hit­ze als kul­tu­rel­le Her­aus­for­de­rung. Als Chan­ce, Arbeits­wei­sen zu moder­ni­sie­ren. Als Ein­la­dung, die star­re Schwei­zer Arbeits­kul­tur zu hin­ter­fra­gen und neu zu gestal­ten.

Hit­ze ist kein Fein­din. Sie ist eine Lehr­mei­ste­rin. Und wir ste­hen erst am Anfang Ihrer Lek­tio­nen.

Quel­le

  • KI-Gene­riert und im Urhe­ber­recht von Mathan
Hit­ze wird zum Manage­ment­the­ma, nicht zu einer Stö­rung.

Matthias Marthaler

Aus dem Arti­kel