Bärengedanke N°1 — Sündenbock-Rhetorik

Wenn Syste­me unter Druck gera­ten, pas­siert etwas Erstaun­li­ches: Kom­ple­xi­tät schrumpft. Und plötz­lich steht jemand im Ram­pen­licht, der «schuld» sein soll. Genau hier beginnt die Sündenbock‑Rhetorik.

Wenn Syste­me unter Druck gera­ten, pas­siert etwas Erstaun­li­ches: Kom­ple­xi­tät schrumpft. Und plötz­lich steht jemand im Ram­pen­licht, der «schuld» sein soll. Genau hier beginnt die Sündenbock‑Rhetorik.
In Kri­sen suchen Men­schen nach schnel­len Erklä­run­gen. Histo­risch wur­de dafür das Ritu­al des «Sün­den­bocks» genutzt: einer Per­son oder Grup­pe wird sym­bo­lisch die kol­lek­ti­ve Schuld ange­hängt. Die Fol­gen: ein bun­tes Pot­pour­ri aus dem mensch­li­chen Grau­sam­kei­ten­ka­bi­nett, ange­fan­gen mit der Aus­gren­zung betref­fen­der Per­so­nen. René Girard hat die­ses Muster als «Scape­goat mecha­nism» beschrie­ben. Span­nung wird durch die Umlei­tung von Gewalt auf Aus­sen­ste­hen­de kana­li­siert.

Was ist denn die Syste­ma­tik dahin­ter? Begrif­fe wie Bau­ern­op­fer, Hexen, Blitz­ab­lei­ter, Prü­gel­kna­be, geprü­gel­te Hun­de etc. bezeich­nen Vari­an­ten des­sel­ben Phä­no­mens: eine Per­son oder Grup­pe wird zur Ursa­che kol­lek­ti­ver Pro­ble­me und Her­aus­for­de­run­gen erklärt, um Ver­ant­wor­tung zu exter­na­li­sie­ren. Sozio­lo­gisch wur­zelt das in Durk­heims Idee «Pia­cu­la­rer Riten» und psy­cho­lo­gisch wer­den die­se Dyna­mi­ken mit «Pro­jek­ti­on» und «Dis­pla­ced aggres­si­on» erklärt.

Die Nutz­nies­ser von eta­blier­ten «Sün­den­böcken» sind vor allem die «Mäch­ti­gen». Ent­spre­chen­de Nar­ra­ti­ve schaf­fen kurz­fri­sti­gen Zusam­men­halt, len­ken von struk­tu­rel­len Ursa­chen ab und erlau­ben Ver­ant­wor­tungs­ver­schie­bung — poli­tisch nütz­lich, weil sie Kri­tik dele­gi­ti­mie­ren und Wähler:innen mobi­li­sie­ren. Lang­fri­stig füh­ren sie zu Pola­ri­sie­rung, Ent­mensch­li­chung, insti­tu­tio­nel­ler Unge­rech­tig­keit und Ungleich­hei­ten. Wie empi­ri­sche Arbei­ten zei­gen, füh­ren Kri­sen ver­stärkt zu Sün­den­bock­bil­dung.

Sün­den­bock-Rhe­to­rik ist effek­tiv, weil sie kogni­tiv ent­la­stet, kom­ple­xe The­men sim­pli­fi­ziert und emo­tio­na­li­siert! Sie ist gefähr­lich, weil sie ratio­na­le Pro­blem­lö­sung und demo­kra­ti­sche Debat­te unter­gräbt.

Rhe­to­rik bre­chen
Erken­nen:

  • Ach­te auf Schuld­zu­wei­sun­gen die Anstel­le von lösungs­ori­en­tier­ten System- oder Struk­tur­ana­ly­sen tre­ten.
  • Ach­te auf «Wir-gegen-die“-Sprache: Pola­ri­sie­rung, Feind­bil­der, Lager­den­ken.
  • Feh­len­de Bele­ge: star­ke Behaup­tun­gen ohne Quel­len, Zah­len oder über­prüf­ba­re Bei­spie­le.

Selbst­prü­fung:

  • Bringt mir die Schuld­zu­wei­sung Erleich­te­rung – auch nur kurz­zei­tig?
  • Wel­che Gefüh­le löst die­se Bot­schaft in mir aus? (Wut, Angst, Ohn­macht, Genug­tu­ung)
  • Wer­de ich gera­de zum Mit­läu­fer eines ein­fa­chen Nar­ra­tivs?

Gegen­stra­te­gien:

  1. Ursa­chen statt Schul­di­ge suchen Fra­ge lie­ber:
    - „Wie ist es dazu gekom­men?“
    - „Wel­che Fak­to­ren haben dazu bei­getra­gen?“
    - „Wie kön­nen wir in Zukunft bes­ser vor­be­rei­tet sein?“
  2. Fak­ten­checks und Trans­pa­renz stär­ken:
    - Fak­ten prü­fen: Quel­len checken, Zah­len ver­glei­chen, unter­schied­li­che Per­spek­ti­ven anse­hen.
    - Feh­ler­kul­tur för­dern: Ein Kli­ma schaf­fen, in dem Men­schen Feh­ler ein­ge­ste­hen kön­nen, ohne Angst vor unge­rech­ten Kon­se­quen­zen
  3. Neue Vor­bil­der schaf­fen:
    - Füh­rungs­kräf­te, Politiker:innen und ande­re Entscheidungsträger:innen sol­len ler­nen, Feh­ler klar zu benen­nen und Ver­ant­wor­tung zu über­neh­men — statt sie nach unten oder nach aus­sen abzu­wäl­zen.
  4. Gegen-Nar­ra­ti­ve und Inoku­la­ti­on nut­zen
    - Gegen-Nar­ra­ti­ve anbie­ten: Kom­ple­xi­tät sicht­bar machen, alter­na­ti­ve Deu­tun­gen anbie­ten, die nicht auf Feind­bil­der set­zen.
    - Inoku­la­ti­on: Men­schen früh­zei­tig über typi­sche Mani­pu­la­ti­ons­tech­ni­ken infor­mie­ren, damit sie die­se spä­ter schnel­ler erken­nen und weni­ger anfäl­lig sind.

Quel­len

  • René Girard Vio­lence and the Sacred / The Scape­goat — Theo­rie des scape­goat mecha­nism
  • Ken­neth Bur­ke Dra­ma­tism und Vic­ti­mage — rhe­to­ri­sche Ana­ly­se von Schuld und Süh­ne
  • Sozi­al­psy­cho­lo­gie Über­blick zu Scape­goat Theo­ry, Durk­heim und dis­pla­ced aggres­si­on
  • Medien‑ und Poli­tik­for­schung Ana­ly­sen zu media­ler und poli­ti­scher Nut­zung von Sündenbock‑Narrativen
  • Prak­ti­sche Inter­ven­tio­nen Ino­cu­la­ti­on Sci­ence / Pre­bun­king gegen Mani­pu­la­ti­ons­tech­ni­ken (Scape­goa­ting)
  • Viert­mann, Chri­sti­ne (2024): Sün­den­bock. In: Dis­kurs­mo­ni­tor. Glos­sar zur stra­te­gi­schen Kom­mu­ni­ka­ti­on in öffent­li­chen Dis­kur­sen. Hg. von der For­schungs­grup­pe Dis­kurs­mo­ni­tor und Dis­kurs­in­ter­ven­ti­on. Ver­öf­fent­licht am 13.09.2024. Online unter: https://diskursmonitor.de/glossar/suendenbock

Quel­len

  • KI-Gene­riert und im Urhe­ber­recht von Mathan

«Nar­ra­ti­ve schaf­fen kurz­fri­sti­gen Zusam­men­halt, len­ken von struk­tu­rel­len Ursa­chen ab und erlau­ben Ver­ant­wor­tungs­ver­schie­bung»

Matthias Marthaler

Aus dem Arti­kel