Wenn Systeme unter Druck geraten, passiert etwas Erstaunliches: Komplexität schrumpft. Und plötzlich steht jemand im Rampenlicht, der «schuld» sein soll. Genau hier beginnt die Sündenbock‑Rhetorik.
Ob Politik, Organisation oder im Team, in unsicheren Zeiten wächst der Wunsch nach einfachen Erklärungen. Historisch wurde dafür das Ritual des «Sündenbocks» genutzt. Einer Person oder Gruppe wird symbolisch die kollektive Schuld angehängt und danach wird sie ausgegrenzt. René Girard hat dieses Muster als «Scapegoat Mechanism» beschrieben. Diese Projektion ist psychologisch entlastend, sozial verbindend — aber analytisch falsch. Gruppen profitieren kurzfristig von klaren Feindbilder, weniger Ambiguität und mehr Zusammenhalt. Mächtige profitieren langfristig von der Verantwortungverschiebung hin zum Sündenbock.
Wer Ursachen statt Personen betrachtet, bricht das Muster.
Sündenbock‑Rhetorik stabilisiert Systeme — aber verhindert Lösungen. Komplexität sichtbar machen ist der erste Schritt zu echter Verantwortung.
Wo begegnet euch Sündenbock‑Rhetorik im Alltag oder in aktuellen Debatten? Welche Wege habt ihr gefunden, um diese Muster zu durchbrechen und Komplexität sichtbar zu halten?
Ich freue mich auf eure Erfahrungen und Perspektiven.